Streng geheim! Kapitel 19 – Das Leben in der Kälte

Autotester Ende der 70er im Hotel Silverhatten in Arjeplog

Autotester Ende der 70er im Hotel Silverhatten in Arjeplog

Um das tägliche Leben vor dreißig Jahren etwas zu beschreiben, hier zunächst eine kleine Sicht auf unsere finanziellen Verhältnisse und das Leben allgemein. Vorab mal ein Vergleich, der noch heute im Gedächtnis eingebrannt ist: Eine Flasche Whiskey, der mit dem Wanderer, kostete umgerechnet 170 DM, zuhause vielleicht 12 DM. (DM-Deutsche Mark, = x 0,5 € ) Mit diesen Preisen sollten sich die Schweden das Sa .. .. Trinken abgewöhnen. Auch wenn immer schon beschrieben, Bier im Restaurant konnten wir uns einmal die Woche, am Samstag, leisten und zwar dann Fatöl, („Fassbier“) das heißt, es war das mittlere des Angebots. Bier gab‘s mit 1,5% Folköl, 2,8% Mellanöl und 3,5 % Starköl, also Import oder mit 4,8% Lizenzgebrautes. Dieses gab es nur im Systembolaget und den gab‘s noch nicht in Arjeplog. So tranken wir Orangeade oder „Appelsin“ oder „Blodappelsin“. Das war so etwas wie Sinalco, aber dünner. Außerdem hätte es noch Lingondryck gegeben, ein supersüßer Preißelbeersaft, der aber mit Wasser verdünnt nicht mehr schmeckte. Die Autoausbuddelhelferspende war ein Mattheus Rosé, der auch schon mal knapp einen Tagesspesensatz verschlang. Im Büro stand aber immer mindestens eine Dose mit Pepparkaker. Pfefferkekse mit Suchtcharakter. Schokolade war ungefähr doppelt so teuer wie zuhause. Die Auswahl an Keksen oder adäquatem Krümelzeug hielt sich in Grenzen, da der Geschmack der Bewohner des Nordens sich mit unserem in den wenigsten Fällen deckte.

Wir kamen mit unseren Spesen mal eben grade so hin, oft war die Bilanz negativ, das war aber bei unseren Freunden ebenso, deshalb brachten wir das Nötigste, was halt so ging, mit. Eben nicht so sehr verdünnt. Essen war teilweise im Zimmerpreis mit vergraben und es gab nur Essen im Silverhatten. Im Dorf gab es eine Möglichkeit, die Matbar und die war damals sehr gewöhnungsbedürftig. Im Keller daneben gab’s den „Grünen Kakadu“, da konnteste nur rein mit aktueller Tetanusimpfung.

Die Bar im Silverhatten neben dem Restaurant erstand so ab Anfang/Mitte der Achziger, als umgebaut wurde und die beiden Räume Frühstück / Mittag und Restaurant (Abend) vereint und mit einer ungefähr zehn Meter langen Bar versehen wurden. Unten im Keller war auch noch eine Bar, für Samstagnacht, knappe zwei Meter und dann ein kleines Labyrinth mit Sitzecken. Vor der Bar war ein Teppich, der sich so gegen zehn Uhr anfühlte, als stehe man in einem Sumpf, Biersumpf. Die Gläser waren randvoll und schaumfrei eingeschenkt. So war jede hektische Bewegung bis zum dritten Schluck immer mit Opferbier für den Boden verbunden. Es ist erhebend, wenn dir das Bier über die Hand, am kleinen Finger entlang in den Ärmel läuft. Beim Laufen hörte und fühlte es sich an, als hätte man Rohrstiefel an mit 2 cm Wassereinbruch. Die Schnapsflaschen standen offen auf der Theke und die kleinen Gläser langweilten sich im Schrank. Bei den Preisen?? Ja, Schweden geben sich einmal im Monat die Kante, das muss reichen, mehr kann der Geldbeutel auch nicht. In den Keller konnte man sich nur trauen, wenn man starke Nerven, gestählte Lungen und Augen oder tiefste Gleichgültigkeit gegenüber den Gesprächen und Geschehnissen hatte und ! geschlossene Schuhe. Natürlich wurde hier geraucht, was die Kippen her gaben, also alles, so sah man oft nicht von einer in die andere Ecke des spärlich beleuchteten Etablissements. Mischung aus Alkohol, Nikotin und unschneidbarer dicker Luft bei gefühlten 100dB. Es war immer wieder unglaublich, dass die Luft zum Atmen noch reichte. Explodieren ging jedoch aufgrund des niedrigen Sauerstoffgehaltes wohl nicht. „Man“ ging da nur runter, um sich neuen Gesprächsstoff zu holen. Das war weitab der Vorstellungskraft eines nüchtern denkenden Menschen. Die Standardfrage an uns Wintertester war mit schwerer Zunge „Wadcardrivingyou?“ Jeder, der grade mal Blech mit Rädern als Fahrzeug erkennen konnte, wollte Testdriver werden. Wir haben es bald aufgegeben, zu erklären, daß sich mehr als fahren und driften dahinter verbirgt. Wenn wir durchs Dorf fuhren, wurde uns immer wieder gezeigt, wie driften geht.

Die kleine Zerstreuung waren zwei einarmige Banditen im Foyer. Das alles war dann die Wurzel zum Automatismus. Unsere „Bar“ war seinerzeit der runde Tisch bei der Rezeption und Selbstgekauftes. Es war ja außer uns, da schließ‘ ich Kunden mit ein, keiner da. Wir saßen auch abends meistens im „Büro“ oder im Keller zwischen Harolds Möbeln und diskutierten letztendlich immer über unsere Arbeit. Hier stand auch die Musikanlage im Regal, die uns 24 Stunden nonstop aus einem Autoreverse Kassettenspieler vom Keller aus mit Musik versorgte. Von 8 (morgens) bis 12 (abends!). Man hat über die täglichen Probleme gesprochen und doch hie und da eine Anregung durch „dummes Nachfragen“ bekommen. Natürlich war wieder Bier dabei, aber das aus dem ICA oder Konsum und zwar das dünne. Mit dem dünnen Bier alleine war es schon mal eine Kunst, etwas betütert zu werden. Das war dann nur beim Automatismus mit leicht verdünnt Vergorenem. Du warst die meiste Zeit unterwegs zum Entsaften, gar mancher machte sich den Hosenstall gar nicht mehr zu. Die Schüssel hatte Hochbetrieb. Und unser Spruch „Bier gibt‘s nur nach Sonnenuntergang“, war im Januar etwas schwer zu argumentieren und im März nicht immer durchzuhalten.

Dickes Bier gab es dann auch nur, wenn einer außerplanmäßig vom Flughafen kam und in Arvidsjaur ein paar Kartons Pripps Bla eingekauft hatte. Das wurde dann rationiert.
Im Konsum gekauft hat immer wieder der Kollege, der gerade flüssig war, am Kühlschrank hing die Bierliste, worauf Kauf und Verbrauch aufgeschrieben wurde. Gegen Ende der Tour wurde dann abgerechnet. Dann gab es Reiche und Arme. Reich wurden dann diejenigen, die immer nur gekauft hatten, arm wurden die, die sich vorm Kaufen gedrückt hatten und nur verbraucht hatten. Irgendwann später hat einer mal ein Rechnerprogramm dafür geschrieben. Das kommt aber erst noch.

Die Bierdosen 0,5 l waren aus Zinkblech, im Sixpack, mit einer sichtbaren Längsnaht verlötet und hatten einen Ring am oberen Deckel zum Aufreißen. Aber die Lasche musste abgerissen werden und war dann übrig. Das Geräusch vergisst man nie! Die ungeübten „coolen“ warfen den Ring dann gleich in die noch volle Dose, worauf sich sofort das Bier schäumend nach draußen begab und den Ruhestörer zum schnellen schlürfenden „Abtrinken“ veranlasste, was bei den Kollegen in der Umgebung dann zu entsprechenden Kommentaren führte: Zu blöd zum … . So hatten sich immer wieder ein paar Spielkinder beim Rumfummeln mit diesen Verschlüssen die Finger zerschnitten – eigentlich hatte jeder irgendwann zerschnittene Finger – und es waren innovative Ingenieure, die mit der Lasche einen Haken bogen, den nächsten Ring daran einhängten und dann soooo weiter, an die Wand gehängt und wenn das jeder tat, reichte die Kette schon mal nach zwei Wochen quer durchs Büro. Und wieder zurück und nach einer achtwöchigen Tour waren das schon stattliche Girlanden, die natürlich auch, als ob‘s das Normalste von der Welt sei, von unseren Scheffscheffs und dem Scheffscheffscheff weitergesponnen wurden.

Da wir auch die Küche als Büro mitbenutzten und leere Schränke Platzvergeudung waren, stapelten wir die leeren Dosen in die Schränke. Pfandlager. Drei Lagen hintereinander passten wie ausgemessen unten und oben zwei.
Draußen in der Garage fanden wir eine Handpresse, mit der man Dosen flachdrücken könnte. Aber das nahm Stunden in Anspruch. Also nur sammeln oder flachfahren mit breiten Reifen.
Natürlich gab’s Mitte der Achtziger schon einen Pfandautomaten im Konsum !Hightech!, aber wir hatten uns nicht getraut, uns eine Viertelstunde, für jeden sichtbar, davor zustellen und ihn zu füttern. Zumal das im gesamten Laden hörbar laut knirschte, wenn der Automat die Dosen schredderte.

Als wir irgendwann mal nach einer längeren Tour abgereist sind, haben wir die Dosen dem Hotelpersonal als Tip zurückgelassen. Im Jahr drauf, die Neugierde zu befriedigen, nachgefragt, ernteten wir überschweres Schmunzeln. „“ Wir haben zunächst die Dosen in Müllsäcke gepackt, aber es war kein Ende in Sicht, da kam ein Kleinlaster vom Konsum vorbei und wir haben die Dosen direkt durchs Fenster auf die Ladefläche geworfen. Es müssen so um die 3000 gewesen sein …. mit denen aus den Kleiderschränken in den Schlafzimmern … ““

©Jürgen Zechmann