Streng geheim! Kapitel 16 – „Must be a bigger one“

Tatort Labor, also Harolds umgebautes Wohnzimmer im Appartement. Harold steht in der Türe und fragt uns um Hilfe. Wir waren gestern angekommen und schon gehen die Probleme los. Harry hat schon die Musikanlage aus dem Keller wieder in Gang gebracht. Irgendwelche Hirnis hatten die Endstufen geschlachtet, als sie das Radio zu laut gedreht hatten und die Technik nicht mehr konnte. Wir brauchen doch Unterhaltung und so arbeitete fortan die Musikanlage mit zwei Endstufen (Transistoren) aus unseren Ersatzteilpool. Wer Ventile schalten kann, kann auch Lautsprecher bewegen.
Also nochmal, Harold steht im Labor. „A fuse has gone“ „?? Hä“ „Come and follow me.“

Hotel Silverhatten um 1980

Hotel Silverhatten um 1980

Zwei unserer Jungs folgen ihm und stellen schnell fest, das Hotel ist komplett dunkel. Die Hofbeleuchtung geht auch nur noch zur Hälfte. Im Labor erschallt‘s – alle mal herkommen, das Hotel hat keinen Saft mehr. Sch … – die Küche hängt da dran. Ingeniöre denken sofort weiter. Wieviel Taschenlampen haben wir? Null – „Ich hab in der Küche Kerzen gesehen“ – wenigstens ein Lichtblick.

Wo sind die Sicherungen. Im Keller – alles OK, unterm Haus, OK, kurz: alle Sicherungskästen sind OK. Bei jedem Check entschlüpft Harold ein in Unverständnis verpacktes „must be a bigger one…“ Also ist das Ganze ein zentrales Problem. Wo ist die Zentrale? Gegenüber des Parkplatzes hängt ein schrankgroßer Trafo an zwei Masten und die sind mit drei dicken Kabeln mit der Welt verbunden, irgendwo hinter dem Wald. Harold ruft einen Dienst an. Elektriker. Der kommt auch, hört und sieht sich die Sache an und folgert messerscharf „must be a bigger one“ . Ja, soweit waren wir auch schon, aber was heißt „bigger one“? Der Typ verschwindet in der Rezeption und telefoniert, kommt zurück und erzählt Harold was in Schwedisch – schnell und unverständlich für Volkshochschulschwedisch. Harold erstaunt: „NEI!“ Heißt Nein. Harold erklärt uns, der Elektriker sei zu klein, er brauche einen großen Elektriker. Wir fangen an zu interpretieren und einigen uns auf „Konzession“ . So war es auch und die war momentan nicht erreichbar. Nicht mit uns. Als wir ihm erklären, dass das Leben (der Hunger und das Wohlbefinden) von zehn Mann und fünf Frau (Personal) davon abhängt, widmet er sich weiteren Telefonaten und kommt dann freudestrahlend zurück. „We will wait for him“ . Zwanzig Minuten später kommt ein Servicefahrzeug des Energieversorgers, also großes Kino, zwei Mann steigen aus, zum Trafo hoch und öffnen den Sicherungskasten. „WHO WAS THAT !?!?“ Was? Die Panzersicherung war durch. Das passiert nur wenn … Vergangenheit, wir schauen nach vorne. Was dürfen wir nicht mehr tun? Die zwei kommen in unser Labor und sehen sich die Geräte an. Finden ein dickes Kabel, das aus dem Fenster Richtung Hotel verschwindet und in einem Zimmer in der Wand steckt. Am anderen Ende, im Labor steckte unser Konstanter dran, der mit dem man Fehler mit Leuchtkraft finden kann. Wenn man dieses Gerät zu einem ungünstigen Zeitpunkt einschaltet, macht es Hauptsicherungen kaputt. Und warum nicht die vielen kleinen, die dazwischen sind ? Die Frage bleibt uns unbeantwortet. Schwedische Elektroinstallationen sind uns bis heute ein funktionales Rätsel.
Letztendlich bat er uns, in seinem Beisein das Ding anzuschalten und über die gesamte Wintererprobung AN zu lassen, die Stecker zu verkleben und zu kennzeichnen und vorsichtig bei der Abreise abzuschalten. Ich denke an den Schuss … lass ihn mal gaanz laangsam kommen.

Wenn wir schon bei Harolds Problemen sind:

„I have a Problem“

Harold stand wieder mal in der Labortüre, trat von einem auf den anderen Fuß und begann mit seinem berühmten Satz: „I have a problem“ . Mir fällt dazu immer der weltberühmte Satz ein „I have a dream …“

Harold fragt, ob es möglich wäre, dass wir ihm für die vergangenen vier Wochen Aufenthalt die Zimmer bezahlen könnten. Ohne viel Nachzudenken – klar. Zwölf Mann mal – heute gerechnet 100 Eus – mal jeder 30 Tage, plus Kost, Bier von der Bar, kommt schon was zusammen.
Nun war das mit dem Bezahlen zu dieser Zeit nicht so einfach wie heute. Man musste – fürs Ausland – für jede 200 oder 300 DM (D-Mark, ehemalige Währung des letzten Jahrtausends) einen Euroscheck ausstellen. So hat jeder rund zehn Schecks ausgestellt, ist zur Bank, musste jeden Scheck unter den Augen des Bänkers unterschreiben und ist dann mit einem Bündel Kronenscheinen zur Rezeption ins Hotel gedackelt, hat dort seine Schulden bezahlt und die Mädels von der Rezeption haben die Bündel dann Abends wieder zur Bank gebracht. Verstanden?? Ich bis heute noch nicht.
Aber die Lösung des Problems stand am nächsten Morgen auf dem Hof. Heizöllieferung …
und ein strahlender Harold.

Zehn Bier auf der braunen Serviette und ein Achselzucken

Situation: Etwa zwölf Vollbluttechniker sitzen an einer Tafel im Restaurant am Rande des Wahnsinns. Beleuchtung ist schummrig orange, macht aber nichts, so ist egal, was man isst. Die Tische sind dicht gedrängt, weil Schwoof ist und jede Ecke ausgenützt sein muss. Die Abstände der Tische sind minimalisiert, man kommt nur mit Baucheinziehen durch. Ohne Bauch kein Durchkommen. Wir sitzen Schulter an Schulter. Befohlenes Kuscheln. Die Servierdame beugte sich von hinten über den Gast und legte beim Abräumen der Teller einen dem weiblichen Geschlecht eigenen Körperteil sanft auf eine ingeniöse Schulter, um einen Teller zu erreichen, der , um Ellenbogenfreiheit zum Diskutieren zu haben, in die Mitte des Tisches geschoben war.

Nachdem die Mamsell in Richtung Küche entschwebt war, machte das neue Erlebnis sofort und in allen delikaten Ausschmückungen die Runde, worauf, wie durch eine gemeinsame Eingebung sich alle restlichen Teller in der Tischmitte wiederfanden. Natürlich war wieder ein Spielverderber dabei, der die Situation ausnützte, und die zärtlich-nötige Annäherung mit einem Schulterzucken beantwortete. Die Reaktion folgte auf dem Fuße. Die Schöne gab ihrem ach so noch schöneren Kollegen den Tipp, die restlichen Teller zu entsorgen. Der sich jedoch dann mit sanfter Hand auf den ingeniösen Schultern abstützte. Ingscheniöre lernen schnell, Teller zu sammeln, zu stapeln, nach vorne durch zu geben und so zu platzieren, dass sie der Serviceboy mühelos entsorgen kann.

Der selbe Herr sollte uns dann zehn Bier abkassieren und stand zunächst etwas unbeholfen im schummrigen orangenen Licht am Tisch, griff sich eine braune Serviette, fummelte einen Schreiber aus seiner Hosentasche und begann, zehnmal den Bierpreis untereinander auf die Serviette zu schreiben und zusammen zu zählen – logisch hat er sich verrechnet, der zahlende Kollege gab ihm ein paar Scheine, etwas Trinkgeld dazu, und sagte ihm es stimme so. Sein Einwand, das das nicht stimmt, wurde so beantwortet: „Geh in Deine Küche, rechne nochmal, dann fängt es schon an zu stimmen.“

©Jürgen Zechmann