Streng geheim! Kapitel 10 – Den Seinen gibt‘s der Herr im Schlaf

Alle Mann duschen, gurgeln und Füße waschen – Kunden im Anmarsch. Unsere Kunden, Ingenieure vom Stern, stehen an der Rezeption und checken ein. Ähnliches Procedere wie bei uns, auch alle gefahren. Unter der gefrorenen Eiskruste lassen sich Fahrzeuge vermuten. Wir kennen uns schon von Zuhause und ob der frühen Zeit (1977) sind alle höflich und „per Sie“.
Große Begrüßungszeremonie, als ob wir uns hundert Jahre nicht gesehen hätten. Schneller Abgleich: Was ist neu dieses Jahr? Dies und das. Eis perfekt, wir haben auch mue-split. Sie ziehen ins Appartement neben uns, also zwischen uns und der Garage. Beim Einzug stelle ich fest, dass die ihr Bier mitgebracht haben. – Hatten ja auch keinen Platten auf‘m Schiff, also keine Inventur beim Zoll. Wir hätten da gaaanz alt ausgesehen.
Aber sie hatten eine Erfahrung mit der Geschwindigkeitsbegrenzung. Die schwedische Polizei ermittelte seinerzeit durch Hinterherfahren. Da ihre Volvos das nicht gepackt hatten, hatten sie Verstärkung angefordert – aus der Luft! Ein Polizeihubschrauber hing fluchtbereit quer über der E4 und hat die Meute eingefangen. Über Lösegeldzahlungen wurde nicht gesprochen.
Die Parkplätze vorm Hotel und die Werkstattplätze werden brüderlich geteilt. Es wird eng.
In den nächsten Tagen zeigen wir, was wir so alles weiterentwickelt haben. Es stößt nicht alles auf Zustimmung, aber deshalb sind wir ja da – wir ändern, was das Zeug hält. Irgendwo hab ich mal n Zettel an einer Wand hängen sehen, da hat sich einer einen Vers auf dieses Geschäft gemacht. „ .. wir ändern stets die Änderungen ..“ ist ein Teil davon. Das heißt nicht nur in der Elektronik Drähte neu verlegen, sondern das beliebte Spiel mit den Schräubchen.

Ein Bisschen Erklärung zu den Schräubchen.
Die Elektronik steuert die Hydraulikventile im Bremskreis im Millisekundenbereich an. Dabei sollte ein bestimmter Druckanstieg in den Bremszangen erfolgen. Wenn nun ein großes Loch offen wäre, geht da viel durch, wenn es zu klein ist, nix. So, und genau dazwischen müssen wir ein Loch finden, das so viel durchlässt, wie wir wollen. NullKommadreidrei oder nullKommadreifünf – in unserer Welt ein Riesenunterschied. Weil durch das Kommadreidrei nur eine Druckerhöhung von – sagen wir mal – drei bar zustande kommt, bei Kommadreifünf aber fünf bar. –
Nochmal zur Bremsflüssigkeit, die muss schon mal Temperaturen zwischen plus 250 Grad und minus…, so kalt es eben ist, können. Bei 250 plus ist die Suppe dünner als Wasser und bei minus 30 dicker als Honig. Und dass dünne Brühe besser durch kleine Löcher geht als dicke – bei minus 30 – ist auch klar. Deshalb die Kaltstarts.
Hat noch jede Menge anderer Zusammenhänge, aber dazu hab ich jetzt keine Lust.

Eine kleinere Version der "Regler-Elektronik"

Eine kleinere Version der „Regler-Elektronik“

Wieder ist es mal Dienstag und? – Schwoof – gleiches wie immer. Nur eben bis 12.
Die Jungs von der Band bauen diesmal schon nachmittags eine neue Anlage auf und wir testen aufm See. Wir haben mittlerweile ein einziges Paar Funkgeräte hier. Zwei schuhschachtelgroße Teile, mörderschwer mit gewendeltem Kabel zum Mikrofon. Sieht echt professionell aus. Das eine Gerät steht im Labor, heißt am Küchenfenster, die Antenne mit Magnetfuß hängt auf halb sieben an der Dachrinne Richtung See. Im Fahrzeug steht der Bruder vor dem Messaufbau und ist mit Gürteln dort vertäut. Das Mikrofon hängt prollig überm Rückspiegel. (Kennt jemand noch Kojak? den mit dem Lolly? – genauso.) Lange passiert eigentlich nichts Besonderes, bis die Band am Abend gegen sieben – Ingenieure arbeiten da noch – anfängt zu üben und über den Basslautsprecher in infernalischer Lautstärke unsere Funksprüche ins verdutzte Publikum geschleudert bekommt.
Ein Mädel aus dem Restaurant kommt aufgeregt zu uns ins Labor und erzählt uns völlig aufgelöst Unverständliches. Aus einigen Worten „Band“ „German talking“ „Dans“ „Cartest“ reimen wir uns zusammen, dass auf der Tanzfläche getestet wird. ?? Weiß der Geier, wie sich unser Funk in das Kupfer der Bandverstärker eingeschlichen hat, aber es war so und zwar so laut, dass man es schon von weitem hören konnte. Bremswegergebnisse im Takt zur Musik. Mal was Neues. Hier ist alles möglich.
Wir haben dann nicht nur die Funkerei, sondern auch das Tagesgeschäft abgebrochen, wir waren sowieso grade beim Fehler(nicht)finden. Auf unseren Drehzahlfühlern kommt normalerweise als Signal ein sinusähnlicher Spannungsverlauf im Bereich bis acht oder zehn Volt. Wir sahen aber die Signale der Magnetventile! Dazwischen ! Und dann zuckten die Radsignale respektvoll weg. Somit stehen größere Untersuchungen an und dazu braucht man Ruhe.
Nächster Tag nach dem Schwoof – den Ablauf kennen wir ja schon, es gab hierbei schon einige Varianten, aber unterm Strich war alles wie immer.
Ja, es war schon Mittwoch und nach dem Frühstück. Nachdem der Abend wieder etwas länger geworden war – der berüchtigte Automatismus hat wieder zugeschlagen – dazu aber später mal, finden wir jetzt erst mal den Fehler im System.
Um etwas Ruhe zu finden, sind wir dann Richtung Norwegen gefahren, bis zu einem Abzweig, der uns irgendwie einlud zu folgen. Wir fuhren auf einem frisch vom Schnee geräumten Weg – nicht trocken wie bei uns, Schneeräumen heißt nur , alles was hinderlich ist, wegräumen, der Rest bleibt liegen und fährt sich fest – etwa ein oder zwei Kilometer durch einen verträumten Winterwald und standen plötzlich vor einem Haus – am See. Leise Erkundungen, ob es da lebt, verliefen negativ – keiner da, also können wir bleiben und stören keinen. Die Sonne wärmte uns den Bauch durch die Frontscheibe und der Fuzzy sägte an der romantischen Stimmung. Wir studierten Pläne und haben gemessen, was die Geräte hergaben.
Zum Verständnis, einer saß rechts hinten hinter dem Messknecht und einer hinterm Lenker. Wenn der vorne Sitzende etwas nach hinten erklären wollte, musste er sich zur Seite, nach hinten drehen, damit mehr Platz ist für den Plan, Messgeräte auf dem Schoß und jede Menge Strippen (Messleitungen mit vorn und hinten ´nem Stecker dran). Mit dem Rücken also zur Türe, das Knie angezogen und im rechten Arm die Nackenstütze, damit er ausm Weg ist, weil der Papierplan länger war, als das Auto innen breit. Jah, wir denken wieder an „Zirkus“. Der Kollege hinten hielt das andere Ende des Plans und vier Augen starrten auf Linien. Als wir so beim Suchen waren, fiel mir auf, dass der Kollege eigentlich schon länger nichts mehr gesagt, geschweige denn sich bewegt hätte. Eingeschlafen – der Sack – noch fertig von gestern und den Samstag davor auch nicht richtig verdaut. Na denn, dann halt weiter Fehlersuchen … den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf.
Als ich später mal auf ner Karte nachgesehen habe, wo wir eigentlich gewesen waren, hat sich einige Zeit später dann die Idee breit gemacht, dass dieses Fleckchen Erde, so wunderbar abgeschieden, zu einer Teststrecke werden könnte … inklusive See – schaunmrmal.

Zurück zum Fehler. Irgendwann hat sich dann herausgestellt, dass sich zwei wunde Kabel verbrüdert und für die vagabundierende Spannung gesorgt hatten.

©Jürgen Zechmann