1070 Kilometer auf schmalen Kufen

Heike Kontermann bei der Zieleinfahrt Finnmarkslöppet 2016

Heike Kontermann bei der Zieleinfahrt Finnmarkslöppet 2016

Heike Kontermann aus Tjappsåive bei Arvidsjaur finisht eines der längsten Schlittenhunderennen der Welt im Norden Norwegens.

Alta. Unberechenbar ist das Wetter in der Finnmark. Der Wind fegt über die Eisstraße. Auf ihr rollt ein kleiner Transporter aus Schweden in Richtung der nordnorwegischen Provinzhauptstadt Alta. „Was mache ich hier eigentlich?“, schießt es Heike Kontermann in den Kopf. Sie schließt kurz die Augen. Das Herz pocht vor Respekt etwas schneller: Der Start für ihr erstes über 1000 Kilometer langes Hundeschlittenrennen, das Finnmarkslöppet, steht unmittelbar bevor. Es gilt neben dem Iditarod und dem Yukon-Quest in Alaska als einer der größten und schwersten Wettbewerbe der Welt. Mit ihren 14 besten Alaskan Huskys will sie es bewältigen.

Abwechselnd pro Jahr darf immer einer von beiden einen Wettbewerb machen. Das hatten sich die gebürtige Süßenerin und ihr Partner Michael Jeckel ausgemacht, nachdem sie vor ein paar Jahren vom Rande der Schwäbischen Alb nach Nordschweden ausgewandert waren. Im winzigen Dorf Tjappsåive bei Arvidsjaur eröffneten sie ihre Schlittenhundebasis „Burning Snow – mushing & more“.
Der Bazillus war aber schon 2006 übergesprungen. „Damals arbeiteten wir beide mehrere Monate in Nordschweden in einem Husky-Betrieb“, erzählt die 43-Jährige. Ein deutsches Paar trainierte damals unweit von Slagnäs mit rund 40 Hunden sehr erfolgreich für Langstreckenrennen. „Wir halfen Kati Meier und Jörg Bungard als so genannte Doghandler beim Training, bei der gesamten Arbeit mit den Hunden…“ Als Dank für die Unterstützung schenkten die beiden Heike in dem Jahr einen Start beim kleinen Femund-Wettbewerb über 400 Kilometer. „Das war so verrückt damals: Ich hatte keinen Leithund, also keinen, der die Richtungsbefehle kannte. Ich fuhr als Startnummer 1 auf eisiger Piste, und nach 200 Metern brach meine Bremse.“ Und trotzdem erreichte sie das Ziel. Michael startete wenig später beim Finnmarkslöppet über die 500 Kilometer.
In den Jahren darauf kamen sie mit ihren eigenen Hunden bei verschiedenen Rennen in Skandinavien schon im ersten Drittel des Starterfeldes an und qualifizierten sich damit für die 1000 Kilometer-Rennen. „Die Hunde und wir sind mit den Wettbewerben sehr gewachsen“, sagt sie. Und doch: Das große Finnmarkslöppet, das am 5. März in Alta startet, und bei dem man etwa neun Tage mit nur drei großen Pflichtpausen auf dem Schlitten steht, ist noch mal eine ganz andere Nummer.

Es schien alles noch so weit weg, als Heike und Michael Anfang August des vergangenen Jahres in der Morgenkühle zwischen 4 und 5 Uhr aufbrachen zu den ersten 20-Kilometer-Trainingseinheiten. Acht bis 14 Hunde spannten sie vor ein Quad.
31 Huskys leben insgesamt bei ihnen, darunter Welpen und Rentner. Für das Rennteam kamen 18 in die engere Auswahl – die Jüngsten 2 ½, der älteste 6 ½ Jahre alt.
Bis Anfang März hatten Tiere und Schlittenhundeführer rund 4000 Trainingskilometer in den Beinen. „Eigentlich sind wir ein Tourismusbetrieb, unser Tagesgeschäft ist die Arbeit mit Gästen“, sagt Heike. Und so durften einige Urlauber sogar mit auf Trainingstouren für den großen Wettbewerb gehen. Täglich waren Heike und Michi 10 bis 12 Stunden bei ihren Hunden – bei Sonne, Schneesturm, bei Temperaturen bis -40 Grad im Januar.
„Durch meine Vergangenheit als Leistungssportlerin im Biathlon habe ich eine recht gute Grundkondition – aber für den langen Finmarkslöppet fit machen konnte ich mich nur durch die tägliche Arbeit auf dem Hof.“Und dann gab es Neujahr bei einer Schneeschuhwanderung auch noch eine Reizung im Knie. Schrecksekunde.

Alta, eine der weltweit nördlichsten Orte mit über 10 000 Einwohnern, rückt näher. Ein riesiges Volksfest lässt Heike die Anspannung ein wenig verdrängen. Tausende Leute jubeln. Vom winzigen Rennen mit drei Gespannen im Jahr 1981 ist das Finnmark-Rennen zu einer Institution gewachsen, die in diesem Jahr Zuschauer aus der ganzen Welt und Hundeschlittenteams aus 15 verschiedenen Nationen anlockte.
Heike geht mit der Startnummer 34 von 43 auf den langen Kanten, die 500er Strecke nehmen fast 100 Starter in Angriff. „Der Start im Herzen der Stadt war überwältigend!“
Immer noch bläst der eisige Wind heftig. Heikes erfahrener Leithund Sukker ist der einzige im Team, der die Strecke kennt. Er hat das Rennen mit seinem Vorbesitzer schon dreimal gefinisht. Alle anderen sind wie Heike selbst Rookies – so nennt man Neulinge in der Schlittenhundesprache: die Leithunde Punk, Pogo und Nena, die in der Mitte laufenden Teamdogs Campino, Tunis, Helene, Mando, Nico, Pelle und Inga sowie die drei kräftigen Wheeler Jonny, Paul und Smudo, die abwechselnd direkt vor dem Schlitten gehen.

DSC_0228„Ich habe meine Hunde am Anfang viel runter gebremst – bin nicht mehr als 15 km/h gefahren.“ Alle zwei Stunden macht sie eine kurze Pause, gibt Snacks, spielt kurz mit den Huskys – „sie sollten motiviert bleiben“- und gönnt sich selbst ein kurzes Augenschließen sitzend im Schnee am Schlitten.
Die erste 16-Stunden Pflichtpause macht Heike früh, fährt nachts wieder neun Stunden fast durch. „Man ist völlig fokussiert auf die Etappe, sieht nur seine Hunde, schaut, wie sie laufen. Man bekommt Tunnelblick. Und ab und zu übermannt einen der Sekundenschlaf.“ An den so genannten Checkpoints warteten neben den Tierärzten, die jeden Hund äußerst streng kontrollieren, auch Heikes Doghandler, ihr Mann Michael und der Freund Flori Hager, der bei allen Rennen dabei ist und immer gute Laune hat. „Das ist so wichtig!“
Die Hunde muss Heike komplett selbst versorgen, schlafen darf sie im Auto, bekommt Essen, Salbe, Decken und Bootis (Schuhchen) für ihre Vierbeiner von den Helfern. Einen Checkpoint gibt es auf der Tour, in dem jeder Starter allein in der Wildnis campt. Auf dem Abschnitt ist der Schlitten dann besonders schwer – mit Zelt, Futter, Ausrüstung, Kocher und Schlafsack beladen. „Und ausgerechnet da musste ich noch einen meiner schwersten Hunde einladen, weil er nicht mehr rund lief!“
Nur drei ihrer 14 Hunde übergibt sie ihren Helfern von sich aus an den Checkpoints, weil Heike merkt, dass die Tiere müde sind. Die Tierärzte haben an ihrem Team nichts zu beanstanden, das zum Ende des Rennens hin immer schneller wird. „Das Training hat sich ausgezahlt!“ strahlt sie, und schwärmt im Ziel von der Landschaft, dem unvergesslichen Moment der Überquerung des Arktischen Ozeans, der umjubelten Ankunftwieder in Alta. Am 13. März wird die für Schweden startende Heike Kontermann als vierte Frau im Ziel gefeiert: Insgesamt Platz 28 nach rund 95 Stunden reiner Laufzeit und einem Durchschnittstempo von 11 km/h. Sie hat noch neun fitte Hunde – mehr als die meisten anderen. Und sie gewinnt einen besonderen Preis: „last menstanding“ – denn alle anderen 14 Teams, die nach ihr noch einfahren müssten, erreichen das Ziel nicht, haben aufgegeben.
„Ich war unheimlich glücklich, müde und hungrig und so stolz auf unsere Huskys!“ sagt sie, gönnte sich und den beiden Männern erst mal ein großes Bier im Hotel und dann Schlaf. „Solide Leistung!“ Michi ist ordentlich stolz auf seine Frau, und mit ihm die vielen Daumendrücker: zu Hause bei den Eltern in Süßen, Heikes Schwester und die Freunde, die sich in der Zwischenzeit um „Burning Snow“ gekümmert haben, ihre Förderer von Flycar, dem IGLOOTEL Arjeplog und der Firma Manmat – und natürlich die vielen Gäste, die bei Heike und Michael in Tjappsåive in den vergangenen Jahren schon das Hundeschlittenfahren gelernt und genossen haben.
Und Heike Kontermann und Michael Jeckel wären nicht echte „Burning Snows“, wenn sie sich nicht nach der großen Mütze Schlaf und ganz viel Essen schon wieder neue Ziele gesteckt hätten. „So ein Rennen macht schon ein wenig süchtig“, schmunzelt sie..

von Kerstin Pöller

www.burning-snow.com