Wie alles begann

Die Abgeschiedenheit und geringe Bevölkerungsdichte waren neben dem stabilen Winterklima sicherlich auch Argumente, als Ende der 60er Jahre die Automobilindustrie den Wintertest in Lappland für sich entdeckte. Ideale Bedingung, die neuen geheimen Modelle, die „Erlkönige“ ungesehen zu testen. 1967 war Opel als erster deutscher Automobilhersteller zu Gast in Arvidsjaur, inzwischen testen mehrere Automobilhersteller und Zulieferer im Winter in Arvidsjaur.

1970 begannen Saab und Volvo 70 Kilometer nördlich von Arvidsjaur in Varjisträsk mit Wintertests. Saab und Volvo arbeiteten gemeinsam mit der deutschen Firma Teldix, die 1975 von Bosch übernommen wurde, an der Entwicklung eines Antiblockiersystems. Grundidee des gemeinsamen Projektes mit der schwedischen Versicherung Folksam war die Erhöhung der Sicherheit im Straßenverkehr. Die zugefrorenen weiten Seeflächen lieferten dabei optimale Bedingungen. Einfallsreichtum, Kreativität, Pioniergeist und bescheidene Ansprüche an die Unterkünfte waren dabei die Herausforderungen an die vier deutschen Ingenieure von Teldix/Bosch vor Ort. Als Unterkunft diente ein einfaches Holzhaus ohne Zentralheizung und fließend Wasser. Einen Brunnen gab es gleich neben dem Haus, geheizt wurde mit Holz und der Besuch der Außentoilette war bei minus 30 Grad sicherlich kein Vergnügen. Zum Duschen und Telefonieren fuhr ein Mitarbeiter jeden Tag nach Arvidsjaur ins Hotel Laponia, wo ein Zimmer zur Verfügung stand.
Die Teststrecke präparierte der ortsansässige Rune Karlsson mit seinem Traktor, der mit einem Schneepflug vorne und rotierenden Bürsten hinten ausgestattet war. „Ich zog 1972 nach Varjiträsk und war der nächste Nachbar, nur 300 Meter von dem Haus entfernt, das die Autotester von der Forstbehörde (Domänverket) gemietet hatten. Sie fragten mich eines Tages, ob ich mit meinem Traktor für sie die Teststrecke frei räumen könne. Bis dahin haben die Ingenieure die Strecke selbst präpariert“, erinnert sich Rune. Bevor die Teststrecke eine perfekte Rutschbahn war, mussten die Herren jedoch noch weiterhin einiges manuell präparieren. Muskelkraft, Besen und Schneeschieber waren angesagt.

Zur gleichen Zeit etablierte sich der Wintertest in Arjeplog. Saab testete vor Ort seine Fahrzeuge und wurde auf die präparierte Landebahn des kleinen Sightseeing-Flugunternehmens von David Sundström und Per Axel Andersson aufmerksam. Die Beiden wurden engagiert und so entstand 1970 die erste Teststrecke auf dem See Uddjaure: Ein Kreisel von einem Kilometer Länge und 300 m Durchmesser. In den folgenden Jahren sprach sich der Tipp mit Arjeplog als Wintertestort in der Branche herum. Teldix testete 1973 zum ersten Mal in Arjeplog. Das Hotel Silverhatten bot Zimmer und provisorische Werkstätten an und so tummelten sich bereits im Winter 1975 neben den schwedischen Automobilherstellern auch Bosch, Daimler, BMW, Audi, Volkswagen und Porsche in Arjeplog. Weitere Zulieferer wie Knorr und Delphi siedelten sich in den kommenden Jahren ebenfalls dort an. Die Hilfsbereitschaft der Menschen in Arvidsjaur und Arjeplog hat ebenfalls sehr viel zu der Entscheidung für die Lokalitäten beigetragen. Als es in den Hotels eng wurde, stellten die Einwohner ihre privaten Häuser zur Vermietung zur Verfügung. David Sundström startete seine Firma „Icemakers“ und schaffte die optimalen Bedingungen für den Wintertest. Die Icemakers und das Hotel Silverhatten sind auch heute noch wichtige Partner für die Automobilhersteller und Zulieferer. Viele Hauseigentümer in Arjeplog stellen nach wie vor ihre Häuser im Winter den Autotestern zur Verfügung. Sie kommen bei Verwandten unter, verbringen den Winter in ihren Ferienhäusern oder Wohnwagen oder wohnen mit der ganzen Familie in einer Einzimmerwohnung. Für manche ist dies eine willkommene Einnahmequelle, aber Entbehrungen sind ohne Zweifel da. In der Hochsaison wächst das Dorf über seine Grenzen, an manchen Tagen beherbergt Arjeplog über 2.000 Gäste, damit verdoppelt sich die Einwohnerzahl. Eine echte Herausforderung, das Unmögliche möglich machen ist die Devise für solche Tage.
In Älvsbyn etablierte sich der Wintertest 1988. Arctic Falls ist der größte Anbieter vor Ort. „Bei uns wird Geheimhaltung und Sicherheit groß geschrieben, wir bieten dafür die optimalen Bedingungen auf Landteststrecken“, erzählt Jonas Jalar von Arctic Falls. Rund um Älvsbyn betreibt Arctic Falls fünf Testanlagen. Sowohl Reifenhersteller als auch Automobilhersteller und Zulieferer erproben dort ihre Produkte auf Eis und Schnee.

© Kirsten Stelling